Gina de la Forêt :

Rübezahl, die Ratte
(2007)

"Guten Tag, mein Name ist Rübezahl, und in meiner Toilette züchte ich Verbandsstoff."

Dies waren die Worte einer schmächtigen Schiffsratte, die gähnend auf einer Holzplanke saß und an einer staubigen Salzbrezel nagte. Sie hatte schon viel durchgemacht, bevor sie neben einem Schornsteinfeger auf der Tragfläche eines TGVs gesessen hatte, und sich durch den Pfeifhahn anhören musste, wie er sich rühmte, ein Wüstendurchwanderer zu sein.
Die langsam entstehende Verkalkung im Gehirn der Schiffsratte verschleierte ihr den Geruch des Ratatouilles, der raschelnd aus den Turnschuhen des klappernden Schornsteinfegers kroch. Währenddessen erzählte dieser, wie er auf einem Fleckenteppich durch ein Haifischbecken reiste, begleitet von einem Strohengel, der ihm immer wieder versicherte, er habe sich nicht aus einem Retortenbaby und einem Erdapfel selbst erschaffen. Weiter berichtete er, wie leicht es gewesen sei, mit seinem Fliegenpo durch das Bullauge zu schwimmen, jedoch wäre er als geborener Leisetreter sehr überrascht gewesen, als ihm auf der anderen Seite aus einem Lautsprecher entgegentönte, er solle seine Schubberkachel sofort wegwerfen, denn er stünde nun im Rampenlicht.

Das alles interessierte die Schiffsratte wenig, und sie sehnte sich nach ihrer alten Freundin, der Schiffskatze, mit der sie früher immer gemeinsam die Brückenkletterer durch die Dunstabzugshaube gejagt hatte. Doch die Schiffskatze hatte vor zwei Jahren einen Nasenbären aus Ohio geheiratet, der sich als Tulpenzüchter und Freizeitganove betätigte. Von da an war das Leben der Schiffsratte einsam geworden.
Kurze Zeit später war das Schiff, auf dem die Schiffsratte bis dahin gewohnt hatte, durch einen Toiletteneimer gesaugt worden. Ein Weltverbesserer hatte noch versucht, es mit seiner Klobürste wieder herauszupolken, aber vergeblich. Aber durch den entstehenden Luftwirbel war die Schiffsratte herausgeschleudert worden, und dank eines glücklichen Zufalls war sie direkt auf einer Schwimmbibel gelandet. Darauf trieb sie über den Ozean, bis sie irgendwann an einem fremden Ufer ankam. Dort begegnete ihr eine Fliege mit Krawatte, die ihr riet, einen Kaufmannsladen mit integriertem Postamt zu eröffnen. "Aber ich bin doch eine Schiffsratte", sagte die Schiffsratte. "Das macht nichts", antwortete die Fliege, die mit einem Blumenstrauß ihr Pferdchen streichelte, "lies einfach die Schwimmbibel, da steht alles drin."
Die Schiffsratte tat, wie ihr gesagt wurde, denn sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte, da sie nun einmal nicht für Nahkampf mit Rückwärtsfahrern oder Schattenboxen mit Präsidenten geeignet war, und andere Möglichkeiten gab es nicht für gestrandete Schiffsratten, die in ihrer Jugend als Saxophonspieler für Schiefsänger gearbeitet hatten.
Gemeinsam mit einem Fahnenflüchtling und einem Leierprediger eröffnete die Schiffsratte also den Kaufmannsladen, in dem neben Apfelmus und Herbstlaub auch Sauberpuschler, Milbenfresser und Feuermelder verkauft wurden. Das Geschäft lief gut, bis eines Tages auf einer Überlandleitung ein Langfinger mit Stummelschwänzchen ins Dorf kam, der sein Nachtlager für Späteinschläfer direkt vor Ratte's Kaufmannsladen einrichtete, und mit seinem Zitronengesicht die Frühblüher vertrieb.
Ratte verließ daraufhin das Dorf, im Gepäck nur ein Drahtseil, eine Schnirkelschnecke und die Schwimmbibel. Er schlief im Schweinestall und freundete sich mit einem Radiologen an, der mit dem Fußring eines Kredithais an der Zapfsäule der Straßenreinigung festgekettet war. Und schließlich sprang er auf einen vorbeifahrenden TGV auf, auf dessen Tragfläche bereits ein Schornsteinfeger im Schutzanzug saß. Dieser hatte wenig Verständnis für die Schiffsratte, und empfahl ihr, sich in ihre Schnurrhaare eine Dauerwelle zu machen, so wie er es mit seinem Schnurrbart täte.

Das reichte der Schiffsratte, sie bastelte sich aus der Schnirkelschnecke und dem Drahtseil einen Fallschirm und sprang. Sie landete auf der Husse eines Paarhufers, sagte freundlich "Guten Tag" und taumelte entlang der Balkonbrüstung in die nächste Kaltfront, nicht ahnend, dass nur ein paar hundert Kilometer weiter ein Motorradfahrer eine Katastrophe verursachte, indem er die Treppenstufen eines Vulkans hinabfuhr und, unten angekommen, ein Seebeben auslöste. Der Schuldige war kurz darauf Fischfutter, denn Walfänger jagten in einem Motorboot Krähen, die Walgesänge imitierten, und achteten dabei nicht auf den Motorradfahrer, dessen Fingerkuppe sich im Bootsmotor verfing.
Die Schiffsratte saß fernab dieses Geschehens unter einer Palme und las in der Schwimmbibel, wie Noah aus einer Eisscholle seine Arche baute.